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"Kinder sind unsere Zukunft"
Festrede anlässlich der Eröffnung des neuen Schulkindergartens
der Lebenshilfe Hochrhein in Laufenburg-Rhina am 29.06.2007
Rudi Sack, Geschäftsführer des Landesverbandes Baden-Württemberg der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e. V.
Sehr geehrter Herr Kaiser, meine sehr geehrten Damen und Herren,
ein Tag, an dem wir die Einweihung einer Einrichtung feiern dürfen, die sich der Förderung und Bildung von Kindern mit Behinderung verschrieben hat, ist ein Freudentag. Denn - und damit bin ich schon mitten im Thema meines Festvortrages - "Kinder sind unsere Zukunft". Und obwohl wir es eigentlich ganz genau wissen, wie wertvoll jede Investition in dieses Stück unserer Zukunft, also in die Bildung von Kindern, ist, haben wir es in Deutschland, einem ja eigentlich nicht ganz armen Land, offensichtlich doch bis heute nicht in letzter Konsequenz begriffen, dass wir in die Bildung unserer Kinder, also in ihre und somit in unsere Zukunft, noch viel mehr investieren müssen.
Und zwar nicht nur in Kinderbetreuung, von der aktuell so viel die Rede ist - die ist natürlich auch wichtig, verstehen Sie mich da bitte nicht falsch - aber es geht eben um Bildung, und das ist wesentlich mehr als Betreuung. Was wir aus den Pisa-Studien und anderen internationalen Berichten der letzten Jahre unter anderem lernen konnten, ist, dass es bei der qualifizierten Bildung unserer Kinder ganz besonders auch auf die ersten Jahre ankommt. Das gilt insbesondere auch für Kinder mit Behinderungen und daher geschieht die Arbeit der Frühförderung in der Lebenshilfe - ein Bereich, in dem ja gerade die Lebenshilfe Hochrhein in besonderer Weise aktiv ist - in der Überzeugung, dass "Frühe Hilfen besonders wirksame Hilfen" sind.
Auch wenn die etwas antiquierte Binsenweisheit der Pädagogik "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!" in ihrer Absolutheit natürlich widerlegt ist, denn wir Menschen lernen notwendiger Weise unser gesamtes Leben, stimmt es eben doch, dass Versäumnisse in der Förderung und Bildung von Kindern je fataler sind, desto früher sie geschehen.
Wie sehr insbesondere auch Kinder mit Behinderungen darauf angewiesen sind, dass solche Versäumnisse nicht geschehen, zeigt ein kleiner Blick in unsere noch gar nicht so weit zurück liegende Geschichte:
Es ist noch nicht mal ganz fünfzig Jahre her, da wurden in Deutschland Kinder mit so genannter "geistiger Behinderung" als "bildungsunfähig" abgestempelt und in der Folge "von der Schulpflicht befreit", was natürlich ein reiner Euphemismus ist, denn in Wahrheit ging es darum, dass sie des Rechts auf schulische Bildung beraubt wurden. Das war einer der Hauptgründe, warum sich 1958 in Marburg auf Bundesebene und anschließend in ganz Deutschland vor Ort Eltern geistig behinderter Kinder und diese unterstützende Fachleute und Förderer zusammenschlossen und Lebenshilfe-Vereine gründeten. Sie taten dies in einer Zeit, als es für ihre Kinder vor Ort noch nichts gab.
Die Zeit des Naziterrors und der systematischen Ermordung behinderter Menschen wegen ihres angeblich "lebensunwerten Lebens" war immerhin schon seit fast 15 Jahren zu Ende gegangen, aber sonst hatte sich noch so gut wie nichts getan. Die Eltern trauten sich mit ihren behinderten Kindern häufig nicht an die Öffentlichkeit, geschweige denn, dass sie so etwas wie einen Kindergarten oder eine Schule hätten in Anspruch nehmen können. In dieser Situation wurden also die ersten Lebenshilfe-Vereine gegründet und verfolgten als Erstes das Ziel, Kindertagesstätten und später Schulen für ihre Kinder zunächst auf reiner Privatinitiative zu gründen.
Erst 1964 wurde das Recht behinderter Kinder auf einen Schulbesuch in Baden-Württemberg gesetzlich verankert und in der Folge flächendeckend in unserem Bundesland schulische Bildungseinrichtungen für sie geschaffen. Damals wurde dann übrigens auch der größte Teil der von den Lebenshilfe-Vereinen privat gegründeten Bildungseinrichtungen in die öffentliche Trägerschaft übergeben, um damit zu dokumentieren, dass die schulische Bildung aller Kinder, also selbstverständlich auch derjenigen mit Behinderung, ein öffentlicher Auftrag ist.
Wenn sich die Lebenshilfe-Vereine wie hier am Hochrhein in den Bereichen "Frühförderung" und "vorschulische Bildung" auch bis heute noch als freie Träger intensiv engagieren, so tun sie das deswegen, weil die Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten in so wunderbarer Weise deutlich gemacht haben, welche unglaublichen Früchte diese Zukunftsinvestitionen in die Bildung von Kindern mit Behinderungen getragen haben und tragen.
Der Landesverband der Lebenshilfe hat anlässlich des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen 2003 gemeinsam mit den damaligen Landeswohlfahrtsverbänden unter dem Titel "Lebensträume - Lebensräume" eine Wanderausstellung gestartet, in der neben diesem noch viele weitere "freche" Bilder von Menschen mit so genannter "geistiger Behinderung", ihren Lebensträumen und Lebensräumen zu sehen waren. Die beiden Herren auf diesem Bild zum Beispiel erläutern dem Betrachter, dass sie möglicher Weise auch an seinem Auto mit geschraubt haben und fügen die Aufforderung hinzu, auch wir sollten unsere Erwartungen an sie ruhig ein bisschen heraufschrauben.
Sie machen dadurch deutlich, dass Menschen mit Behinderungen heute zum Beispiel in Werkstätten für behinderte Menschen, die nicht selten Systemlieferanten der Automobilindustrie sind, aber in letzter Zeit zunehmend auch auf dem so genannten allgemeinen Arbeitsmarkt, anspruchsvolle und produktive Arbeit erbringen. Menschen mit Behinderung leben heute als Erwachsene zum Teil selbstständig in eigenen Wohnungen mit nur noch stundenweiser ambulanter Unterstützung. Sie werden Mitglieder in Vereinen, sie feiern mit im Stadion, wenn der VfB Deutscher Fußballmeister wird, sie engagieren sich ehrenamtlich zum Beispiel im Ausschank von Vereinsfesten und so weiter und so fort.
Und ich kann Ihnen ein Liedchen davon singen, wie selbstbewusst heute Menschen mit geistiger Behinderung zum Beispiel in der Lebenshilfe auftreten und von uns - zu Recht - verlangen, dass wir nicht mehr nur über sie reden und für sie "Gutes tun", sondern dass sie selbst als aktive Mitglieder unseres Verbandes bis hin zur Mitarbeit in Vorständen unsere Arbeit mitgestalten - "Nichts über uns ohne uns!".
Ist das nicht eine großartige Entwicklung, eine unglaubliche "Rendite" für die Investitionen in die Bildung von Kindern mit Behinderungen, die mit der "Frühförderung" und dem "Kindergarten" besonders früh einsetzen muss? Und ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, welchen Wert solche Investitionen in gleicher Weise für Menschen mit sehr schwerer Behinderung haben, auch wenn sie nicht in so selbstständiger Weise leben können, wie ich es gerade geschildert habe, und dass die Beobachtung der persönlichen Entwicklung, die ein Kind auch mit schwerster Behinderung durch entsprechende Förderung und Bildung durchmachen kann, einem Pädagogen - zumal wenn er so nahe am Wasser gebaut ist wie ich - oder gar den Eltern des Kindes schon die Tränen der Freude in die Augen treibt.
Aus Sicht der Eltern, die vor Jahrzehnten noch den Ausschluss ihrer Kinder von der Chance auf Bildung erleben mussten und auch der damaligen "Fachleute" wäre es ohnehin vollkommen unvorstellbar gewesen, welche Früchte die dann einsetzende Förderung einmal tragen würde. Und ich bin mir sicher, dass wir auch heute noch nicht am Ende einer Entwicklung angelangt sind und uns noch Vieles nicht vorstellen können, zu dem Menschen mit Behinderungen in Zukunft in der Lage sein werden.
Insofern können diejenigen, die die heutigen Möglichkeiten der Förderung und Bildung behinderter Kinder erkämpft haben und können Sie, die Sie heute diese Arbeit umsetzen, stolz auf Ihre Leistung sein. Ich bin überzeugt davon, dass von der Qualität, der Zielgerichtetheit, der Didaktik und der Methodik der sonderpädagogischen Förderung auch unsere so genannte "allgemeine Pädagogik" und die allgemeinen Bildungseinrichtungen enorm profitieren könnten. Kleinere Gruppen zum Lernen, eine Förderplanung, die immer individuell ist und nie nach einem standardisierten Schema verläuft, und das Entwicklungspotential für alle Kinder, dass sich gerade aus der Verschiedenheit der Kinder ergibt, sind unter anderem solche herausragenden und vorbildlichen Merkmale.
Altbundespräsident Richard von Weizäcker hat einmal gesagt "Es ist normal, verschieden zu sein.", und genau diese Erfahrung enthalten wir bis heute unseren Kindern und Jugendlichen vor, weil die allgemeine Pädagogik zumindest in der Praxis immer noch viel zu sehr von der irrigen Annahme ausgeht, dass ein Lernen und sich entwickeln in möglichst homogenen Gruppen am effektivsten sei. In einem jüngst veröffentlichten Bericht der des Bildungskommissars der UNO erhält das Deutsche Bildungssystem auch deswegen "schlechte Noten"; weil es wie kaum ein anderes in vergleichbaren Nationen auf Segregation aufbaut.
Ich bin damit abschießend in meiner Festrede bei der Frage der Integration, also des gemeinsamen Lebens und Lernens von Kindern mit und ohne Behinderung angelangt, und weiß, dass ich damit - auch an einem Tag, an dem ein Schulkindergarten für behinderte Kinde eingeweiht wird - bei der Lebenshilfe Hochrhein in kein Fettnäppchen trete.
Meine Damen und Herren, ich habe in meinen bisherigen Ausführungen aufgezeigt, welche segensreichen Auswirkungen die Errichtung und Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Einrichtungen im Hinblick auf die Zielsetzung der Teilhabe behinderter Menschen an unserem gesellschaftlichen Leben hatten und haben. Daran gibt es auch heute nichts zu relativieren. Aber wir alle sind heute auch dazu aufgerufen, weitere Schritte zu tun, um das gemeinsame Leben und Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen zu fördern und damit unseren Kindern Erfahrungen zu ermöglichen, die für alle im Hinblick auf ein partnerschaftliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft unverzichtbar sind.
Ich behaupte nämlich, dass die berühmten "Barrieren in den Köpfen", die dieses Zusammenleben heute noch allzu oft erschweren, unseren Kindern nicht angeboren sind, sondern erst als Folge des getrennt seins und des nicht miteinander Lebens entstehen. Ich möchte diese These unterlegen, indem ich Ihnen eine wahre Anekdote erzähle. Am ersten Schultag einer Außenklasse - also einer aus der Schule für geistig Behinderte ausgelagerten Klasse, die zusammen mit ihrer Partnerklasse aus einer Grundschule unterrichtet wurde, standen einige Kinder zusammen und überlegten, wer denn nun hier eigentlich die behinderten Kinder seien. Die Lehrerin kam hinzu und sagte "Jetzt bin ich aber gespannt, zu welchem Schluss ihr gekommen seid." Darauf sagten die Kinder, sie glaubten, der und der und die sind wahrscheinlich behindert, weil "die haben eine Brille". Die Lehrerin sagte daraufhin: "Ah ja, das ist interessant, aber jetzt passt mal auf, ich habe auch eine Brille.", worauf die Kinder erwiderten: "Ja, bei Dir waren wir uns auch nicht ganz sicher. Aber wir haben uns dann gedacht, wahrscheinlich bist Du doch nicht behindert."
Diese kleine Geschichte ist für mich ein wunderbarer Beleg dafür, dass Kinder in diesem Alter noch nicht in den gleichen "Schubladenkategorien" denken, wie wir Erwachsene, und für Kinder im Kindergartenalter gilt dies natürlich mindestens in gleicher Weise wie für diese Kinder einer ersten Grundschulklasse. Kinder bewerten nicht, sie sagen nicht "Anna oder Moritz sind behindert", sondern sie beobachten und sagen vielleicht "Anna spricht nicht" oder "Moritz kann nicht laufen", und damit treffen sie den Nagel auf den Kopf. Vor einigen Wochen konnte man in Presse und Rundfunk einen Vorgang mit verfolgen, der mich zutiefst deprimiert hat.
In Villingen-Schwenningen wollte die Caritas in einem "besseren Wohngebiet" in direkter Nachbarschaft zu einem Kindergarten ein Haus mit Wohnungen für relativ selbstständige geistig behinderte Menschen errichten. Dagegen gründete sich dann eine Initiativgruppe beunruhigter Eltern, die ausgerechnet von einer so genannten "Kinder- und Jugendtherapeutin" mit Aussagen verängstigt wurden, dass Menschen mit Down Syndrom distanzlos und sogar gefährlich seien und dass daher die Kinder des Kindergartens diese Nachbarschaft psychisch nicht verkraften könnten. Die Wahrheit, meine Damen und Herren ist, dass die letztlich eigentlich beklagenswerten Erwachsenen in dieser Posse ihre eigenen Ängste auf ihre Kinder projiziert haben. Und dabei konzediere ich noch, dass diese Ängste nicht aus bösem Willen entstanden sind, sondern einfach aus Unwissenheit und mangelnder Erfahrung.
In diesem Sinne wünsche ich dem Schulkindergarten der Lebenshilfe Hochrhein nicht nur viel Freude in seinen wunderschönen neuen Räumen, sondern auch, dass er ein offenes Haus sein und mit allgemeinen Kindergärten kooperieren wird. Dass Ihre Kinder zu Besuch in deren Kinderhäusern sein werden und dass die anderen Kinder zu Besuch in Ihrem schönen Haus sein werden. Denn unser Zusammenleben wird doch gerade dadurch bunt, dass jeder Mensch einzigartig ist und wir irgendwie alle voneinander verschieden sind. Unsere Kinder sind für diese Erfahrung noch empfänglich. Auch deswegen sind Kinder unsere Zukunft.
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